Diese Folge ist eine besondere, denn ich bin nicht allein. Zu Gast ist Stephen Weingand, selbst Grafik- und Webdesigner und Mentor für smartes Arbeiten mit KI. Wir sprechen über ein Gefühl, das gerade viele kennen: das KI-FOMO. KI ist überall und sehr laut, und im Austausch mit unserer Community höre ich immer wieder, dass viele das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Genau darum geht es heute.
Wie wir KI wirklich nutzen
®Spannenderweise haben Stephen und ich beide ähnlich angefangen. Bei mir war das Erste, dass ich meine Texte auf Rechtschreibfehler prüfen ließ. Bei Stephen waren es Songtexte, aber auch er nutzt KI bis heute am meisten fürs Schreiben und Korrigieren. Ich lasse meine Texte ebenfalls gern gegenlesen oder mir englischsprachige Support-Mails vorformulieren. Stephen bringt es auf den Punkt: Wenn ein Werkzeug dir etwas erleichtert, warum solltest du es nicht nutzen?
Genau das ist sein Kern. Stephen lebt in seinem Business den Wert Leichtigkeit. Damit meint er nicht, dass alles leicht sein muss. Es geht ihm darum, sein Business so minimalistisch wie möglich zu halten. Neue Tools testet er mit einer einzigen Frage: Schenkt mir das Leichtigkeit und erleichtert mir den Alltag? Dann darf es bleiben. Bringt es unnötig Stress oder Komplikationen? Dann lässt er es wieder gehen. Man kann sich nämlich auch alles komplizierter machen, als es ist.
Bei mir sieht das zum Beispiel so aus, dass ich mir neulich eine Übersicht über meine Blogbeiträge erstellt habe, mit Keywords und internen Verlinkungen. Früher habe ich so etwas mühsam von Hand gemacht. Heute übernimmt das die KI, und ich verschwende meine wertvolle Zeit nicht mehr damit.
Wo das KI-FOMO eigentlich herkommt
Stephen hatte das FOMO am Anfang selbst, sogar Existenzängste als Webdesigner. Heute hat er es nicht mehr, seit er ein System für sich gefunden hat, das er auch in seinem Mentoring vermittelt.
Einen großen Teil des Drucks macht für ihn das Marketing der großen Anbieter aus. Firmen wie Anthropic oder OpenAI haben im Grunde nur dieses eine Produkt und müssen den Hype aufrechterhalten, um Investitionen zu bekommen. Über Social Media funktioniert das besonders gut, weil die Algorithmen genau die Inhalte verstärken, die bei uns Gefühle auslösen, egal ob positive oder negative. Und es sind längst nicht nur die großen Firmen, auch viele, die KI-Produkte verkaufen, arbeiten gern mit diesem Druck.
Für uns Designerinnen gab es laut Stephen zwei große Angst-Wellen. Die erste kam, als plötzlich jede ohne Designerin KI-Plakate erstellen konnte, vom Kindergarten bis zur großen Firma. Die zweite kam, als ein vielzitierter Bericht von Anthropic behauptete, rund die Hälfte der Bürojobs könnte bald wegfallen.
Diese Aussage wurde später relativiert, aber in dem Moment ist die Stimmung gekippt, und nicht nur bei Designerinnen, sondern auch bei Texterinnen und Entwicklerinnen hieß es plötzlich, KI könne alles ersetzen. Inzwischen hat sich das beruhigt, und viele kehren bewusst wieder zu menschlichen Expertinnen zurück.
Warum schlechtes KI-Design unsere Chance ist
Stephen lebt in einem Dorf mit 1500 Einwohnern und sieht an jeder Ecke diese KI-Plakate, die alle gleich aussehen, gleiche Schrift, nicht mehr unterscheidbar. Genau darin liegt für ihn die große Chance: Es war noch nie so leicht, mit gutem Design aus der Masse herauszustechen.
Ich erlebe das ähnlich. Bei uns hat ein super stylisches Café eröffnet, das aber Logo und Flyer komplett mit KI gemacht hat. Für mich als Ästhetin wertet das den ganzen Laden so ab, dass ich gar nicht hineinwollte. Man kann sich seine Marke mit reiner KI ziemlich kaputt machen. Und wenn ich in die Kommentare unter solchen KI-Anzeigen schaue, sind die voll mit „KI-Slop“. Die Menschen wollen das oft nicht. Stephen sieht diese Gegenbewegung als etwas Positives, weil sie wieder Realität in das Thema bringt. Das Werkzeug ist großartig und hilft uns auf vielen Ebenen, aber wir müssen unsere Kreativität und das, was uns ausmacht, nicht an die KI abgeben.
Deine Expertise macht den Unterschied
Ein Gedanke von Stephen ist mir besonders geblieben: KI funktioniert nur so gut wie der Kontext, den wir ihr geben. Und genau das ist unsere Stärke als Designerinnen. Wir holen uns von Haus aus den Kontext bei unseren Kundinnen ab, bevor wir ein Branding gestalten: Wer ist die Zielgruppe, was sind die Werte, wohin soll die Marke. Diese Denkweise lässt sich fast eins zu eins auf die Arbeit mit KI übertragen.
Das Ergebnis ist eben nur so gut wie das, was wir hineingeben. Wer ohne Erfahrung eine Website von KI bauen lässt, merkt oft nicht, dass sie Schwachstellen hat oder nicht datenschutzkonform ist. Wir dagegen wissen, was wir tun, und können die KI als Werkzeug nutzen, das uns unterstützt, statt ewig selbst zu probieren oder zu googeln. Stephen nennt es einen Beschleuniger in jede Richtung: Wer echte Expertise hat, holt das Beste aus der KI heraus.
Diese Expertise kann uns niemand nehmen, denn wir Menschen sind nicht austauschbar. Umso wichtiger wird es, die eigene Erfahrung, Haltung und Meinung zu teilen, weil KI alles glattzieht und am Ende vieles gleich klingt. Über meine eigene Haltung zum Thema habe ich in meiner KI-Solo-Folge gesprochen. Die Menschen wollen heute wieder Gründungsstories hören und Unperfektes sehen, weil wir von glattgeschliffenen, perfekten Inhalten längst genug haben.
Für Stephen schließt das eine das andere nicht aus. Sein größter Gewinn durch KI ist, dass er schneller in die Umsetzung kommt und seine eigenen Ideen nicht monatelang liegen lässt. Er schreibt seine Rohgedanken einfach runter, Rechtschreibfehler hin oder her, und hat seine KI so trainiert, dass sie wie eine Editorin über den Text geht, seinen Ton aber nicht verändert und seine Gedanken erhält. So ist sogar sein Mentoring entstanden, weil er die Landingpage und die Mails endlich zügig schreiben konnte.
Die Risiken: mach dich nicht abhängig
So nützlich KI ist, Stephen rät klar dazu, nicht jeden Workflow blind zu automatisieren. Schau dir erst das große Ganze an: Wie ist das System aufgebaut, worauf lasse ich mich ein? Viele dieser Firmen leben von hohen Investitionen und der Hoffnung, dass KI sehr viel löst. Die Realität ist teurer und langsamer, als der Hype vermuten lässt, und die Tools werden nicht zwangsläufig jeden Monat besser.
Das größte Risiko ist für mich die Abhängigkeit. Ich merke das an meinem Newsletter-Anbieter, dessen Preise sich vervielfacht haben, während all meine Prozesse dort liegen. Entweder ich gehe mit oder ich ziehe alles um. Ähnliches sieht man bei den KI-Tools: Bei Claude ist der Code-Teil quasi über Nacht aus dem günstigen Tarif in einen viel teureren gewandert. Deshalb lohnt es sich, die eigenen Inhalte und Vorlagen zu sichern und sich eine eigene Datenbank aufzubauen, statt sich völlig von einem Anbieter abhängig zu machen. Stephen bringt es auf den Punkt: Nutze KI als Partner an deiner Seite, der dir vieles vereinfacht, aber gib nicht alles ab.
Auch unser Job wird sich verändern. Stephen glaubt, dass eine Designerin, die nur auf Umsetzung getrimmt ist, schneller überflüssig wird als eine, die den Kern versteht: zuhören, die Ziele der Kundin herausarbeiten, eine Strategie bauen und visuelle Lösungen finden. Die reine Umsetzung ist ohnehin der kleinste Teil unserer Arbeit, auch wenn wir das in der Kommunikation oft vergessen. Wie du dich klar aufstellst und fokussierst, statt jedem Tool hinterherzulaufen, passt gut zur Folge über Spezialisierung.
Was du tun kannst, wenn du dich abgehängt fühlst
Im Austausch mit der Community sagen einige, sie hätten das Gefühl, hinterherzuhängen, weil sie gerade erst anfangen. Stephens Rat dazu:
Entwickle erst einmal ein Grundverständnis dafür, wie diese Sprachmodelle funktionieren, und schau realistisch, was sie können und was nicht. Dann kannst du in Ruhe Hype von Realität unterscheiden.
Trenne außerdem zwei Dinge: wie schnell sich die Technik entwickelt und wie schnell die Gesellschaft sie annimmt. Das Zweite geht viel langsamer. Man sieht es an den KI-Plakaten und an dem Café von vorhin. Der Wert sinkt rasend schnell, weil wir spüren, ob sich jemand Mühe gegeben hat. Manche Menschen zahlen bis heute nur bar oder verzichten ganz aufs Smartphone.
Und mach dir bewusst, dass du auf Social Media in Blasen unterwegs bist, die nur einen Ausschnitt der Realität zeigen. Ich habe mit einer angestellten Freundin gesprochen, bei der KI erst langsam ankommt. Das sind Welten im Vergleich zu unserer selbstständigen Blase.
Mein wichtigster Punkt: Hör auf dein Bauchgefühl (wie so oft der wichtigste Punkt) Wenn dir ein Account oder eine Anzeige ein komisches Gefühl gibt, weil gerade jede zur KI-Expertin wird und alle gleichzeitig irgendeinen KI-Kurs schreien, dann stell solche Menschen ruhig stumm, entfolge oder leg einfach mal das Handy weg. Stephen erlebt sogar, dass viele wieder weniger KI konsumieren wollen und zu Stift und Papier zurückkehren. Ich habe mir tatsächlich wieder einen Notizblock gekauft, und allein die erste Seite aufzuschlagen und meine Gedanken hineinzuschreiben, hat sich richtig gut angefühlt.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- KI-FOMO entsteht stark durch Marketing und Algorithmen, die auf Emotionen setzen.
- Nutze KI dort, wo sie dir den Alltag erleichtert, und lass los, was nur Stress bringt.
- Schlechtes KI-Design ist überall, gutes menschliches Design sticht dadurch wieder heraus.
- KI ist nur so gut wie dein Input. Deine Expertise und deine Haltung kann sie nicht ersetzen.
- Mach dich nicht von einzelnen Tools abhängig und sichere dir deine eigenen Inhalte.
- Bau dir ein Grundverständnis auf, trau deinem Bauchgefühl und denk daran, dass Social Media nur ein Ausschnitt ist.
Stephen bietet ein Mentoring speziell für Designerinnen an, seine Kanäle verlinke ich dir unten. Außerdem ist im Juli er bei uns im Webdesign Women Club zu Gast und hält dort eine Masterclass zur Bildgenerierung mit KI. Schreib mir gern auf Instagram unter @webdesign.women, wie es dir mit dem Thema KI gerade geht.
Diese Folge gibt es auch zum Hören.
Deine Steffi