Heute geht es um das, was passiert, wenn aus einem Projekt langsam zwei werden und du gar nicht mehr genau weißt, wann das eigentlich angefangen hat. Es geht um Scope Creep. Dass es für dieses Phänomen, wenn ein Projekt schleichend seinen Umfang sprengt, überhaupt einen Namen gibt, wusste ich vor einem halben Jahr selbst noch nicht.
Mein Lehrstück: das Projekt, das völlig aus dem Ruder lief
Eine meiner allerersten Kundinnen war super dominant und sehr bestimmt. Ich hatte keine AGB und in meinem Prozess vieles nicht festgelegt, weil ich gar nicht wusste, dass ich das überhaupt brauche. Ich war ein bisschen naiv und dachte, ich mache einfach mal, einen Vertrag brauche ich nicht, mit jeder meiner Kundinnen würde ich auch einen Kaffee trinken gehen.
Das stimmt bis heute, aber dahin muss man erst mal kommen, dass man die richtigen Menschen anzieht und erkennt, mit wem man gut zusammenarbeiten kann. Wie ich schon in der Folge zu Wunschkundinnen gesagt habe, muss man manchmal einfach seine Erfahrungen machen, um zu merken, wer zu einem passt und wer nicht.
Diese Kundin war schon lange selbstständig, hatte aber einen neuen Zweig gestartet. Von Anfang an hat sie Dinge wieder über den Haufen geworfen, die längst erledigt waren, vor allem bei Farben und Schriften. Wir hatten kein richtiges Branding gemacht, nur ein Moodboard, das sie zuerst abgenickt hat. In der Umsetzung haben wir dann unzählige Stunden mit dem Ändern der Farben verbracht. Sie hat nicht verstanden, dass eine Farbe gedruckt anders aussieht als auf dem Bildschirm und dass jeder Bildschirm sie anders darstellt. Sie hat sich an einen Farbton geklammert, den ihr Bildschirm gar nicht zeigte, und ich konnte ihr diese Farbe einfach nicht geben.
Bei den Schriften lief es genauso. Wir hatten eine Schrift definiert, dann sah sie hier noch eine und da noch eine und schickte sie mir über Instagram, WhatsApp und tausend Kanäle. Sie war bei allem unsicher. Und ich habe einfach immer weitergemacht, nichts extra berechnet und alles brav umgesetzt. Das Schlimmste war ein Zoom-Call, in dem ich mit ihr nur Kommafehler in ihren angeblich fertigen Texten getauscht habe. Wenn ich die Stunden zusammenrechne, habe ich an diesem Projekt vielleicht nicht einmal 15 Euro die Stunde verdient. So sehr ist das ausgeartet.
So habe ich mich dabei gefühlt: super genervt. Das Verhältnis stimmte überhaupt nicht mehr. Ich habe mich nur noch gerechtfertigt, war teilweise richtig gereizt, und sie wusste nicht einmal, warum. Ich habe das Projekt überhaupt nicht mehr geführt, sondern war nur noch passiv und wollte es einfach hinter mich bringen.
Wann ein Auge zudrücken okay ist und wann nicht
Ich bin durchaus jemand, der bei langjährigen Kundinnen auch mal ein Auge zudrückt. Ich habe zum Beispiel eine Wartungskundin, die einen Urlaubsbanner vergessen hatte, der längst nicht mehr aktuell war. Ich habe ihr kurz geschrieben, dass ich ihn ausschalte, und das einfach gemacht, weil ich sowieso auf der Seite war. Sowas würde ich nie berechnen.
Der Unterschied liegt im Gefühl. Du merkst immer, ob das Ganze noch in einem guten Verhältnis ist. Bei der Wartungskundin war es eine Kleinigkeit, die sich richtig anfühlte. Bei dem anderen Projekt war ich nur noch genervt und passiv. Genau das ist das Warnsignal.
Wie Scope Creep entsteht
Im Kern sind es drei Dinge:
- Du hast keinen festen Rahmen definiert. Es fehlen AGB, eine Leistungsbeschreibung oder ein Vertrag, oder im Angebot fehlen wichtige Posten.
- Dir selbst ist noch nicht klar, wo deine Grenzen liegen. Wie möchtest du kontaktiert werden, wie möchtest du Feedback bekommen, wie viele Korrekturschleifen bietest du an?
- Du kannst diese Grenzen nicht einhalten oder nicht kommunizieren. Selbst wenn etwas in der Leistungsbeschreibung steht, musst du deine Grenze immer wieder aufrechterhalten. Wenn du festlegst, dass du nicht über Instagram zu Projekten kontaktiert werden möchtest, dann aber doch dort antwortest, hast du deine eigene Grenze nicht gehalten.
Das Bild, das meine Sicht auf Grenzen verändert hat
Für viele ist das Thema Grenzen setzen negativ besetzt. Das hat mit Sozialisierung zu tun und mit dem Gefühl, man sei unhöflich, wenn man Grenzen zieht.
Ein Bild aus dem Buch „Den Netten beißen die Hunde“ von Martin Wehrle hat mir geholfen, das anders zu sehen. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber es geht ungefähr so: Stell dir vor, du hast ein Grundstück am See. Im Sommer kommen Badegäste und legen sich auf deine Wiese. Irgendwann bist du so genervt, dass du hingehst und die Leute konfrontierst, die völlig irritiert sind, weil sie nicht wussten, dass es deine Wiese ist. Du hast nie kommuniziert, wo deine Wiese beginnt.
Also stellst du ein Schild auf: Privatgrundstück. Erst halten alle Abstand, dann legt sich doch wieder jemand dazu und noch jemand, und du bist wieder sauer, weil das Schild nicht eindeutig zeigt, wo die Grenze beginnt und wo sie endet. Hättest du einen Zaun, wäre völlig klar, wo dein Grundstück anfängt und aufhört.
Genauso ist es in Projekten. Wenn du nichts kommunizierst, weiß dein Gegenüber gar nicht, dass es eine Grenze überschreitet, und das ist nichts Böswilliges. Wenn du deine Grenzen aber immer wieder klar absteckst, wissen die Menschen, wie sie mit dir umgehen können und wie nicht. Diese Geschichte hat mir auch gezeigt, dass es viel schwerer ist, in einem schon gekippten Projekt eine Grenze zu ziehen, als von Anfang an dafür zu sorgen, dass sie eingehalten wird.
Was du konkret tun kannst
Wenn Scope Creep auch bei dir ein Thema ist, geh diese drei Punkte an.
Der erste ist dein Rahmen: deine Leistungsbeschreibung, deine AGB und Verträge. Was genau in eine Leistungsbeschreibung gehört und was bei AGB und Verträgen sinnvoll ist, habe ich in zwei eigenen Beiträgen festgehalten: Beitrag zur Leistungsbeschreibung und Beitrag zu AGB und Verträgen.
Der zweite ist, deine persönlichen Grenzen zu kennen. Schau dir rückblickend die Projekte an, bei denen das Verhältnis gekippt ist. Schreib dir auf, woran es lag, ob eine Grenze überschritten wurde oder wie die Person mit dir umgegangen ist. So wirst du dir deiner eigenen Spielregeln bewusst und kannst sie in deine Projekte einbringen, gerade in die Leistungsbeschreibung.
Der dritte ist Üben: Grenzen einhalten, sie aussprechen, Nein sagen und die Angst davor überwinden. Wenn deine Kundin eine neue Idee hat, kannst du ruhig sagen, dass das eine gute Idee ist und ihr sie gerne umsetzt, dass sie aber nicht im Angebot enthalten ist und deshalb so und so viel kostet. Du wirst sehen, dass das oft überhaupt kein Problem ist oder die Person es einfach lässt, wenn es nicht ins Budget passt.
Am Ende hängt all das zusammen, auch mit dem Thema Preise, über das ich in der Folge zu Preise setzen gesprochen habe. In meinem Preiskalkulations-Kit gibt es deshalb auch ein Modul, in dem es darum geht, deine eigenen Grenzen kennenzulernen und sie zu kommunizieren.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- Scope Creep heißt: Ein Projekt sprengt schleichend seinen Umfang, ohne dass du genau sagen kannst, wann das angefangen hat.
- Ohne festen Rahmen sucht sich vor allem eine unsichere Kundin ihren Platz selbst und hat immer neue Wünsche.
- Es entsteht aus drei Dingen: kein definierter Rahmen, unklare eigene Grenzen und Grenzen, die nicht gehalten werden.
- Grenzen ziehst du leichter vorher als in einem schon gekippten Projekt.
- Setz an drei Stellen an: Leistungsbeschreibung und Verträge, deine persönlichen Grenzen und das Üben, sie zu kommunizieren.
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Diese Folge gibt es auch zum Hören.
Deine Steffi