Soll ich als Webdesignerin lieber Allrounderin sein oder mich auf wenige Programme spezialisieren? Diese Frage kam aus meiner Community, und gerade wenn du noch am Anfang stehst, vielleicht im ersten Businessjahr, hast du sie dir bestimmt auch schon gestellt. Es geht im Kern um die Frage: Wie stellst du dich auf, und wo beginnt deine Leistung und wo endet sie? Das kann ganz schön viel Unsicherheit auslösen.
Der erste Gedanke, den vielleicht auch du hattest und den ich am Anfang ebenfalls hatte, war: Je mehr ich anbiete und je mehr Systeme ich kenne, desto mehr Kundinnen kann ich bedienen. Als ich gestartet bin, war meine Zielgruppe relativ klar, und trotzdem habe ich überlegt: Mit welchen Tools starte ich, arbeite ich mit WordPress, welches System nutze ich dahinter? Und es hört ja beim CMS nicht auf. Welche weiteren Systeme kenne ich, wenn jemand ein E-Mail-Marketing-Tool braucht, wo setze ich eine Grenze? An diese Frage kommt jede von uns irgendwann.
Warum ich nicht als Allrounderin gestartet bin
Meine Meinung dazu ist klar: Es ist nicht gut, als Allrounderin in die Selbstständigkeit zu starten. Der Gedanke „je mehr ich kann, desto mehr Kundinnen kann ich bedienen“ ist gerade am Anfang eher kontraproduktiv. Das heißt nicht, dass ich es schlecht finde, wenn sich jemand mit vielen Tools auskennt. Aber lass uns von vorne anfangen.
Zu Beginn der Selbstständigkeit ist alles neu, du bist permanent im Lernmodus. Selbst wenn du die Tools kennst, weil du aus einer Agentur kommst, bist du trotzdem ständig im Lernmodus, weil du noch nie selbstständig warst. Du bist eigentlich jeden Tag außerhalb deiner Komfortzone: Kundengewinnung, Marketing, Sichtbarkeit, Kundengespräche, schwierige Situationen, Rechnungsstellung, Preise setzen. So viele Themen, mit denen du vorher nie zu tun hattest. Wenn du dich dann auch noch in möglichst viele Systeme eindenkst, ist dein Nervensystem irgendwann völlig am Limit.
Dazu kommt: Wenn du dich in so viele Systeme wie möglich einarbeitest, hast du nie die Chance, irgendwo als Expertin herauszustechen. Fokussierst du dich dagegen auf wenige Tools, kommst du irgendwo an. Und wenn du darin sicherer wirst, ist es etwas ganz anderes, dir später noch weitere Tools anzueignen.
Allrounderin sein ist kein Fehler, sondern eine Position
Technik-Allrounderinnen sind überhaupt nicht schlecht. Das ist ein eigenes Feld. Menschen, die sich blitzschnell in Prozesse und Technik einarbeiten und schon mit super vielen Dingen gearbeitet haben, sind für den Bedarf mancher Kundinnen total hilfreich. Aber sie arbeiten in einem anderen Feld und genau das gehört für mich zur Positionierung. Die Frage ist also: Wie möchtest du arbeiten?
Wo fängt deine Leistung an und wo hört sie auf?
Ich hatte mal eine Mentee, die war super im Design und wollte sich ins Webdesign einarbeiten, um Websites direkt mit umzusetzen und alles aus einer Hand anzubieten. Im Mentoring kam dann die große Frage: Wo fange ich an und wo höre ich auf? Genau da ist es wichtig, dir erst einmal bewusst zu werden, was du überhaupt abdecken und anbieten möchtest.
Das sind individuelle Fragen, und ich würde nie sagen: Wenn du Webdesign machst, musst du dich auch mit E-Mail-Marketing auskennen oder unbedingt einen Wartungsservice anbieten. Musst du nämlich nicht. Was bringt es dir, eine Leistung anzubieten, auf die du eigentlich keine Lust hast?
Als ich gestartet bin, habe ich zum Beispiel keinen Wartungsservice angeboten. Ich hatte das Gefühl, noch zu wenig Ahnung zu haben, um im Ernstfall wirklich auszuhelfen und diese Unsicherheit wollte ich nicht mit mir rumtragen. Also habe ich ganz bewusst gesagt: Das biete ich nicht an. Das kam erst viel später, als ich mehr erlebt, mehr gesehen und genug Erfahrung gesammelt hatte und einfach sicherer war. Wenn du deine Leistung sauber abgrenzen willst, hilft dir auch die Folge zu Scope Creep.
Zwei Fragen, die dir die Entscheidung erleichtern
Die erste ist: Überforder dich nicht selbst. Eine Selbstständigkeit aufzubauen heißt vor allem in den ersten Jahren, sehr oft außerhalb der Komfortzone zu sein. Da tut es deinem Nervensystem gut, dich in manchen Dingen erst einmal einzurichten, bis sich nicht mehr jede Situation komplett neu anfühlt. Dann nimmst du dir das Nächste vor.
Die zweite ist: Wie breit möchtest du arbeiten? Möchtest du dich als Designerin etablieren, Websites umsetzen oder nur designen? Möchtest du Technik-Allrounderin werden und viel im Marketing-Funnel-Bereich machen? All das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass du diese Entscheidung für dich triffst. Für jede Position gibt es passende Kooperationen und Menschen, die genau das brauchen. Ein richtig oder falsch gibt es dabei nicht.
Hör also darauf, was du willst und mit wem du arbeiten möchtest. Welchen Bedarf haben die Menschen, die zu dir kommen? Ist es eine solo-selbstständige Person, die sichtbar werden möchte, oder ein etablierteres Unternehmen mit komplexen Prozessen im Hintergrund? Möchtest du dauerhaft mit deinen Kundinnen zusammenarbeiten oder lieber Projekte starten, abschließen und dann mit neuen Menschen weitermachen? Wenn dir die Frage nach den passenden Menschen schwerfällt, hilft dir die Folge zu Wunschkundinnen.
Du darfst auch Nein sagen
Du darfst Dinge ablehnen, die du nicht machen möchtest. Am Anfang, wenn man um jede Kundin kämpft, ist das leichter gesagt als getan. Aber sei dir bewusst: Alles, wobei du kein gutes Gefühl hast oder worauf du keine Lust hast, zieht so viel Energie, dass sie dir bei deinen anderen Projekten fehlt.
Manche arbeiten mit einem sogenannten Schmerzensgeld und gleichen ein ungutes Gefühl mit einem höheren Stundensatz aus. Ich finde aber, das lässt sich mit Geld nicht aufwiegen. Wer schon mal in so einem Projekt steckte, weiß, wie viel Energie das zieht.
Wenn du dagegen merkst, dass du wirklich Lust hast, dich in etwas einzuarbeiten, dann mach es. Das Wichtigste ist, zu erkennen, woher dein Antrieb kommt. Ist es echte Lust am Projekt und an den Tools, oder ist es die Angst, kein Geld zu verdienen? Da würde ich immer auf mein Bauchgefühl hören.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- Als Allrounderin zu starten ist meist kontraproduktiv, weil am Anfang ohnehin schon alles neu ist.
- Wer sich auf wenige Tools fokussiert, hat die Chance, als Expertin herauszustechen.
- Technik-Allrounderin zu sein ist kein Fehler, sondern eine eigene Position. Entscheidend ist, dass du sie bewusst wählst.
- Du musst nicht jede Leistung anbieten. Biete nichts an, worauf du keine Lust hast.
- Prüf bei jeder Entscheidung, ob dein Antrieb echte Lust ist oder die Angst, kein Geld zu verdienen.
Schreib mir gern auf Instagram unter @webdesign.women, wie du dich aufgestellt hast.
Diese Folge gibt es auch zum Hören.
Deine Steffi